Patient Stadt! Diskussion über Anpassungstherapien an den
Klimawandel

von wurm – sicher gut bauen.

Diskutierten über Klimafolgeanpassungen: (v. l. n. r.) Frieder Wurm, Christian Kuhlmann, Iris Steger, Dirk Bastin, Albert Geiger, Jürgen Baumüller und Christian Storch vom Stadtplanungsamt Ravensburg (Foto: Stefan Blank)

Ravensburg – „Klimafolgeanpassung in Städtebau und Bauleitplanung“: Hinter diesem Titel verbergen sich einige Thematiken, die die Stadtentwicklung in den nächsten Jahrzehnten mit prägen werden. Denn es geht darum, sich nicht nur dem unausweichlichen Klimawandel zu stellen, sondern weiterzudenken. Das taten gut 50 Architekten, Kommunalpolitiker und Interessierte am Dienstag, 11. Oktober in der Raiffeisenbank Ravensburg. Eingeladen zur Diskussionsrunde hatten die Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung, die Architektenkammer Baden-Württemberg und die Stadt Ravensburg.

Frieder Wurm, Vorsitzender der Kammergruppe Ravensburg in der Architektenkammer Baden-Württemberg, brachte die Absicht des Abends in seiner Begrüßung auf den Punkt: „Wir wollen als Architekten nicht nur unter Fachleuten arbeiten, sondern alle Beteiligten einbinden – insbesondere bei so einem spannenden Thema.“

Spannend brachte Jürgen Baumüller, Klimatologe und Honorarprofessor an der Universität Stuttgart, seinen Impulsvortrag schon mit dem Titel auf den Punkt: „Patient Stadt! Anpassungstherapie an den Klimawandel“. Denn um nichts weniger als um die richtige Therapie ginge es, um Städte für die Zukunft zu wappnen. Dabei ginge es nicht nur darum, dem gesetzlich geforderten Klimaschutz und den Klimaanpassungsmaßnahmen zu genügen, sondern sich auch generell Gedanken um die Zukunft zu machen. Der Klimawandel sei Fakt. In Zukunft werde es Bereiche auf der Welt geben, wo die Temperatur um bis zu vier Grad ansteige. „Das ist die Zukunft.“ Und das Jahr 2016 habe alle Rekorde gebrochen: Der August sei der sechzehnte Monat in Folge, der seit Beginn der Temperaturmessungen zu warm sei. Für die Städte bedeutet das, dass Gefahren vor allem durch Hitze und Starkniederschläge drohen. Auch Ravensburg sei davon betroffen. Denn für die Zukunft zeige die klimatische Wasserbilanz, dass im Jahr 2100 kein Grundwasser in ausreichender Menge mehr da sei, um die heute übliche Begießung beispielsweise von Grünflächen sicherzustellen. Parallel müsse eine Regenwasserbewirtschaftung eingeplant werden, um Starkregenereignissen zu begegnen. Regenrückhaltung könnte beispielsweise über Tiefgaragen oder Spielplätze gewährleistet werden. Gleichzeitig muss Hitzeeinwirkung reduziert und „das Grün zum Bürger gebracht werden“. Denn Beschattung sei eine Lösung gegen die zukünftig zu erwartende Hitze. „Die Stadt also ist ein Patient“, sagt Baumüller. An den Verantwortlichen sei es, zu untersuchen, eine Diagnose zu stellen und dann zur Therapie zu schreiten – sowohl in Flächennutzungsplänen als auch in informellen Plänen wie beispielsweise einem Landschaftsplan und vor allem in konkreten Maßnahmen.

Die Verantwortlichen stellten sich in der folgenden Diskussionsrunde den Fragen des Publikums: Dirk Bastin, Baubürgermeister von Ravensburg, Christian Kuhlmann, Baubürgermeister von Biberach und Albert Geiger, Leiter des Referats Nachhaltige Stadtentwicklung in Ludwigsburg diskutierten unter der Moderation von Iris Steger, Leiterin Bau- und Umweltamt im Landratsamt Ravensburg. Was also wurde getan, was ist in Zukunft zu tun?

In Ludwigsburg wird seit 2004 mit Hochdruck am Thema Klimaschutz und Klimaanpassung gearbeitet – mit Erfolg. „Da braucht es Leute, die mitmachen, die fürs Thema brennen“, sagt Referatsleiter Geiger, der den Prozess seit Beginn begleitet. Biberach dagegen war vor allem in jüngster Vergangenheit betroffen von Starkregenereignissen, die wiederum politische Forderungen nach Konzepten auslösten. „Heute gibt es ein politisches Verständnis, dass Starkregen etwas mit dem Klimawandel zu tun hat“, erzählt Baubürgermeister Kuhlmann und führt konkrete Beispiele für planerische Ziele und Bürgerbeteiligung unter Umweltaspekten an.

Für Ravensburg gebe es zwar Klimakarten und Erfahrungen in der Bauleitplanung, so Baubürgermeister Bastin, aber bisher noch keine umfassende Strategie. Aber es wurde auf Verwaltungsebene eine Abteilung für Stadtentwicklung gegründet, in der die Erstellung des Flächennutzungsplans angesiedelt ist. „Wir sammeln Erfahrungen, sichten Ergebnisse und machen unsere Hausaufgaben“, so Bastin, „dabei haben wir schon relativ viel auf der To-do-Liste abgearbeitet.“ Ein Klimamanager soll her, der nicht nur CO2-Vorgaben im Auge hat, sondern Klimaanpassungs-Strategien entwickelt und Klimaschutzziele greifbar macht.

Dass es noch viel zu tun gibt, da waren sich alle Anwesenden einig. Und aus dem Kreis der Fachleute herauszugehen, wie von Frieder Wurm gefordert, das wird allgemein begrüßt. Es müsse mehr und besser kommuniziert und die Bürger schon früh miteinbezogen werden. Denn, so Baubürgermeister Bastin, „Städte wie Ravensburg haben eine besondere Verantwortung. Das Leben der Zukunft wird urbaner – dieser Herausforderung werden wir uns stellen müssen.“